Was ist Biodiversität? Geht es um Biodiversität, denken wir zunächst an die „Artenvielfalt”. Die biologische Vielfalt umfasst jedoch zwei weitere Ebenen: ein breites Spektrum an Lebensräumen und genetischen Veranlagungen. Genetische Vielfalt (ein großer Genpool) bedeutet eine große Vielfalt zwischen den einzelnen Individuen einer Art, egal ob Bakterium, Pilz, Pflanze oder Tier. Kommen zahlreiche Individuen verschiedener Arten innerhalb eines Lebensraums, z. B. eines Waldes, vor, bedeutet das eine große Vielfalt innerhalb dieses Lebensraums.
Was bewirkt Biodiversität? Ein intaktes Ökosystem ist in der Lage, negativen Einflüssen unterschiedlicher Art standzuhalten, diese abzufedern und zu überwinden, ohne dabei langfristig Schaden zu nehmen. Biodiversität spielt dabei eine zentrale Rolle, denn sie gewährleistet die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems gegenüber Umweltveränderungen.
Ein Beispiel: Die Fichten-Reinbestände, die hierzulande großflächig an nicht arttypischen Standorten angepflanzt wurden, waren wenig divers und so nicht widerstandsfähig gegenüber eingetretenen Umweltveränderungen. Das trockene Klima schwächte die Fichten und machte sie anfällig für den Borkenkäfer. Dieser wiederum konnte sich prächtig in den monokulturellen Wäldern vermehren, wo die Fichten dicht an dicht standen. Das Ergebnis sind weitläufig abgestorbene und kahle Waldareale, in denen für Jahrzehnte kaum eine waldtypische Art einen Lebensraum finden wird. Auch die Ökosystemleistungen, die an solch einem Standort normalerweise durch einen Laubmischwald vollbracht werden, sind über Jahrzehnte hinweg gestört.
Wie kann Biodiversität dazu beitragen, solch ein Phänomen zu verhindern? Besteht ein Waldstandort nicht nur aus einer Baumart, sondern aus zehn verschiedenen Baumarten, welche an die standörtlichen Bedingungen angepasst sind, ist er weniger anfällig für derartige Probleme. Krankheiten oder „Schädlinge“ sind zumeist nicht für alle Arten gleich problematisch. Breitet sich also der Borkenkäfer nur an Fichten aus, nicht aber an Buchen, Eschen, Eichen und weiteren Arten, so würden im schlimmsten Fall vielleicht alle Fichten in solch einem Mischbestand absterben, aber andere Arten würden davon nicht beeinflusst werden und könnten den Wegfall der toten Fichten auffangen. Dadurch bleibt der Waldstandort in leicht veränderter Artenzusammensetzung erhalten und kann fortlaufend die zahlreichen Ökosystemleistungen vollbringen.
Warum ist die Förderung von Biodiversität zentral für den SÖA? Es herrscht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Biodiversität ein zentraler Faktor für die Resilienz von Ökosystemen und somit auch für Wirtschaft und Gesellschaft ist. Obwohl die Wichtigkeit der Biodiversität und ihres Nutzens für unsere menschliche Existenz vor drei Jahrzehnten in der „Convention on Biological Diversity“ auf internationaler Ebene anerkannt wurde, schwindet sie weltweit immer weiter. Erst kürzlich zog der Living Planet Report (10/2022) vom WWF eine ernüchternde Bilanz: Von 1970 bis 2018 lag der Bestandsrückgang der beobachteten Wildtierpopulationen bei 69 %. Während wir in Europa und Zentralasien einen Verlust von etwa 18 % zu verzeichnen haben, liegt Lateinamerika mit der Karibik in derselben Zeit bei 94 % Populationsverlust. Diese Entwicklung zeigt eindeutig, dass der Schutz der Biodiversität bisher nicht ansatzweise in ausreichendem Maße stattgefunden hat und dass es neue wirksame Lösungen und Konzepte braucht, welche es ermöglichen, diese stetige Abwärtsspirale zu durchbrechen.